30.01.2011 - Die Havarie der „Waldhof" - Ein Sachstandsbericht

Der heutige Sonntag ist der 18. Tag nach der Havarie des Tankmotorschiffs „Waldhof" im Mittelrhein am Fuß der Loreley. Die komplexen Bergungsmaßnahmen sind in eine entscheidende Phase gekommen. Das Bergungsteam der beteiligten Fachleute von BASF, des Spezialunternehmens Mammoet, das schon das russische Atom-U-Boot Kursk gehoben hat, der Feuerwehr und des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Bingen arbeitet mit Hochdruck.

Die sieben mit Schwefelsäure beladenen Tanks des Havaristen sind beprobt. Die Säure hat sich mit Wasser vermischt, in allen Tanks wurde Wasserstoff festgestellt. Diesen gilt es, aus den Laderäumen zu bekommen, denn es droht Explosionsgefahr. Entsprechend müssen die Spezialisten arbeiten. Jeder Handgriff muss vorher genau durchdacht sein.

Was ist eigentlich in den 18 Tagen passiert?

13.01.2011, 5 Uhr: Auf dem Mittelrhein befindet sich das Tankmotorschiff (TMS) „Waldhof" auf Talfahrt. An Bord hat das 110 Meter lange Fahrzeug in sieben Tanks 2378 Tonnen hochkonzentrierte Schwefelsäure geladen. Der 1993 gebaute Chemikalientanker, der über eine Edelstahl-Doppelhülle verfügt, ist unterwegs von Ludwigshafen nach Antwerpen. Genau in Höhe des berühmten Loreleyfelsens verschwindet das Schiff plötzlich vom Radarbild in der Revierzentrale Oberwesel.

Von dort wird die nautisch anspruchsvolle Rheinstrecke zwischen Oberwesel und St. Goar rund um die Uhr überwacht und der Verkehr geregelt. Nur wenig später steht fest: Ein Unfall! Das Schiff ist offensichtlich gekentert.

Die ausgerückte Wasserschutzpolizei findet die „Waldhof" mit dem Kiel nach oben. Auf dem Rumpf entdecken die Beamten einen Menschen - eins von vier Besatzungsmitgliedern. Unterkühlt und verletzt. Ein zweites Crew-Mitglied wird wenig später von der Besatzung eines anderen Schiffes etwa sechs Kilometer talabwärts gerettet. Der Mann hat sich an abgerissenen, schwimmenden Schiffsteilen festgeklammert. Zwei weitere Besatzungsmitglieder werden vermisst - und dies bis heute.

Fahrzeuge des Wasser- und Schifffahrtsamtes sichern sofort den Havaristen am rechten Fahrrinnenrand vor weiterem Abtreiben bei Rheinkilometer 555,3 unterhalb des Loreleyhafens. Die Schifffahrt wird unmittelbar auf diesem Rheinabschnitt gesperrt.

Nur wenig später hat sich auf der rechtsrheinischen Landseite des Rhein-Lahn- Kreises bereits ein Einsatzstab zusammengefunden: dabei sind unter anderem Innenstaatssekretär Roger Lewentz, Landrat Günter Kern, der Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Bingen, Martin Mauermann, Beamte der Schutz- und Wasserschutzpolizeiinspektionen und Fachleute der verschiedensten Behörden und Organisationen. Die Brisanz der Lage ist deutlich: Die 96-prozentige Schwefelsäure darf möglichst nicht mit Wasser in Berührung kommen. Wasserstoffbildung, Explosionsgefahr, Umweltgefährdung - was passiert, wenn das Schiff auseinander bricht? Die Fragen und Szenarien sind vielfältig und wenig ermutigend. Der Austritt der Ladung in den Strom soll auf jeden Fall verhindert werden.

Der Krisenstab formiert sich: Die Einsatzleitung übernehmen Günter Kern fürs Landund Martin Mauermann fürs Wasser. Staatssekretär Roger Lewentz koordiniert die Verbindung zum Innenministerium und damit zur Landesregierung.

Tagelang läuft die Suche nach den Vermissten auf Hochtouren. Polizeihubschrauber überfliegen das Rheintal mit Wärmebildkamera. Schiffe des WSA und der Wasserschutzpolizei (WSP) sind mit Echolot und Sonar unterwegs und scannen die Rheinsohle ab. Taucher versuchen in das Wrack zu gelangen - vergeblich. Die beiden Männer werden nicht gefunden.

Die Experten beraten zwischenzeitlich über die Bergung des Havaristen. Die ersten Tage nach dem Unglücksfall waren ausgefüllt mit der Untersuchung und Diskussion über Möglichkeiten der Bergung - immer unter dem Aspekt der möglichen Bedrohung durch die gefährliche Ladung.

Mit der Bergung wird schließlich das renommierte niederländische Spezialunternehmen Mammoet beauftragt. Jetzt heißt es umgehend ein passendes Konzept zu entwickeln. Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, Umweltministerium, Kreisverwaltung, Feuerwehr, BASF, Bundesanstalt für Materialforschung und - prüfung (BAM) und zahlreiche Fachleute sind eingebunden. Das Laborschiff „Burgund" des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums sorgt für regelmäßige Analysen des Rheinwassers - bis heute glücklicherweise ohne Auffälligkeiten.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: Am Donnerstag, 20. Januar, treffen endlich die beiden Hebekräne „Grizzly" und „Atlas" des Bergeunternehmens Mammoet aus Duisburg ein. Aufgrund des Hochwassers konnten diese Duisburg nicht vorher verlassen. Zwei Tage später kommt aus Rotterdam das schwere Kranschiff „Amsterdam" - mit einer Hebekraft von 300 Tonnen.

In den beiden folgenden Tagen wird die havarierte „Waldhof" durch die Kranschiffe „Atlas" und „Amsterdam" sowie mehrere Pontons gesichert. Die Bergungsfachleute ziehen Stahlseile unter den Rumpf, um den Schiffskörper in einer Art Hängematte zu stabilisieren.

Mit der Sicherung des Havaristen ist die erste der vier Berge-Phasen abgeschlossen.

Erst dann stehen die Beprobung, das Leichtern und das Verbringen des Wracks in Richtung Ufer im Bergungskonzept. Täglich beraten Spezialisten in kleinen und größeren Runden über den Fortschritt des komplexen Bergungsverfahrens. Bei allen Maßnahmen stehen die Sicherheit des Personals und der Schutz der Umwelt an vorderster Stelle.

Die kontrollierte Öffnung der Bergfahrt beginnt am Mittwoch, 19. Januar, vor der Abenddämmerung mit einem kleineren Versuchsschiff. Ab dem nächsten Tag ziehen Vorspannboote (Schlepper) Schiffe an der Unglücksstelle vorbei - zunächst noch als Versuchsfahrten mit nautischer Unterstützung durch WSA und WSP. Dies sorgt für eine kleine Entspannung auf dem Rhein. Schiff für Schiff passiert die Loreley rheinaufwärts - nach drei Tagen ist der bis an die Landesgrenze von Nordrhein- Westfalen reichende Stau vorerst aufgelöst. Talwärts (Richtung Koblenz) bleibt der Rhein leider dicht. Die Gefahren sind zu groß - bergab geht's mindestens dreimal so schnell wie bergauf, um das Schiff im Strom steuern zu können. Bei technischen Ausfällen würde die starke Strömung des Rheins den Talfahrer unweigerlich gegen den Havaristen treiben - mit katastrophalen Folgen.

Am Mittwoch, 26. Januar, folgt die zweite entscheidende Phase der Bergung. Unter großen Sicherheitsvorkehrungen beginnen die Spezialisten mit der Untersuchung der Tanks der „Waldhof". Die Bundesstraßen auf beiden Rheinseiten und die rechtsrheinische Bahnstrecke werden zeitweise voll gesperrt. Im Vorfeld der sicherheitsrelevanten Arbeiten haben die Experten alle denkbarenUnglücksszenarien berechnet. Bei einer möglichen Verpuffung könnte es zu Schäden in einem begrenzten Radius kommen; Säure könnte im Umkreis des Havaristen verspritzt werden. Die Polizei entschließt sich aufgrund der potentiellen Gefahr für einen zweifachen Sicherheitsring: 250 und 500 Meter rund um das Schiffswrack. Die unmittelbar betroffenen Anwohner werden durch die Feuerwehren mit Flugblättern und über Lautsprecherdurchsagen informiert.

Am selben Nachmittag geht die Meldung über den Fund einer Wasserleiche im Bopparder Hamm ein - 17 Kilometer unterhalb der Unglücksstelle. Die eingeschaltete Kripo arbeitet mit Hochdruck; schon am nächsten Tag steht fest, dass es keinen Zusammenhang gibt: Die Leiche ist definitiv keines der von der „Waldhof" vermissten Besatzungsmitglieder.

Mit einem Spezialverfahren bohren die Fachleute seit Mittwoch unter ständiger Kühlung die Tanks des Havaristen an, zunächst nur ein wenige Millimeter großes Loch mit einem Wasserstrahlschneideverfahren. Jeder Funkenflug muss vermieden werden. Die ersten Ergebnisse sind wenig beruhigend. Zunächst wird in Tank 7 Wasserstoff entdeckt. Schließlich folgt die Ernüchterung: In allen Tanks finden die Bergungsleute ein Gemisch aus Schwefelsäure und Rheinwasser und damit auch Wasserstoff. Ein gefährliches Gas, das durch die Einwirkung eines Funkens explodieren könnte. Sofort müssen alle vorgesehenen Arbeitsschritte einer neuen Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden. Die Sicherheit für die an der Bergungbeteiligten Menschen hat dabei oberste Priorität.

Freie Wochenenden oder Verschnaufpausen gibt es nicht. Mit dem heutigen Tag 18 setzen die Einsatzkräfte am frühen Morgen ihre Arbeit fort. Mit Stickstoff befüllen sie die Tanks und spülen damit den Wasserstoff nach draußen. Diese so genannte Inertisierung ermöglicht ein weiteres gefahrloses Arbeiten an dem Havaristen. Ist das Wasserstoffgas weg, können größere Öffnungen in die Tanks geschnitten werden - die Voraussetzung fürs Umpumpen

Der Tag beginnt mit einer neuen, schwierigen Herausforderung: Die letzten beiden Tanks 1 und 2, die noch Wasserstoff enthalten, liegen fast unerreichbar für den Spezialbohrer unter der Wasseroberfläche. Zunächst sind wieder die Bohrspezialisten gefragt: An den Tanks 3 bis 7 soll weiter gebohrt und im Lauf des Tages größere Öffnungen (ca. 500 Millimeter) für die Saugpumpen geschnitten werden.

Letztendlich gelingt es am Sonntag das vorgesehene Loch in Tank 3 zu schneiden. Aufgrund des fallenden Wasserstands kann Tank 2 nun voraussichtlich doch im Laufe des morgigen Montags ebenfalls von Deckseite her angebohrt werden. Wie es mit Tank 1 weitergehen soll? Darüber grübeln die Bergungsexperten mit der Havarieleitung noch

Auch konnten am Sonntag wieder 40 Bergfahrer die Weiterfahrt antreten. Für Montag ist hierfür ein Zeitfenster von 08.00 bis 11.00 Uhr offen. Nach den Erfahrungen der zurückliegenden Tage reicht das aus, allen „fahrwilligen" Binnenschiffern weiter zu helfen.

Am Sonntagnachmittag gedachten die Teilnehmer des "Solidaritäts-Treffen für die nach der Havarie festliegenden Binnenschiffer" im Haus Oberrhein in Mannheim den Opfern der Havarie.

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